Jörg Güßgen und Marc Wannenmacher vom Sanitätshaus Vierbaum.

Hightech-Lösung nach Maß – Interview mit dem Sanitätshaus Vierbaum

Als Schnittstelle zwischen Patienten, medizinischem Personal, Herstellern und Krankenkassen nehmen Sanitätshäuser, Orthopädietechniker und Therapeuten bei der Hilfsmittelversorgung für Personen mit Bewegungsstörungen eine entscheidende Rolle ein. Im Interview berichten Jörg Güßgen, Physiotherapeut und Spezialist für Neuroorthopädie, und Marc Wannenmacher, Geschäftsführer und Orthopädietechnikermeister, vom Sanitätshaus Vierbaum über die besonderen Herausforderungen bei der Versorgung von Menschen mit funktionellen Einschränkungen der oberen Gliedmaßen und darüber, welche Signifikanz sie dabei insbesondere innovativen Hilfsmitteln wie der MyoPro Ganzarm-Orthese von Myomo zuschreiben.

Wie kam es zu der Versorgungspartnerschaft mit Myomo?

MW: „Wir kooperieren nun seit circa drei Jahren mit Myomo, den Anstoß gab dabei die Individualversorgung eines Patienten, der bereits seit mehreren Jahrzehnten unter einer Lähmung von Hand und Arm litt. Damals schlug der Patient uns selbst die MyoPro vor, die als erste myoelektrische Orthese für Personen mit Lähmungserscheinungen seit Kurzem auf dem deutschen Markt erhältlich war.“

Was konnte Sie damals an dem Orthesen-System überzeugen?

MW: „In der Versorgung von Patienten mit Bewegungsstörungen der oberen Extremitäten bildet die MyoPro ein Novum – in der Prothetik findet Myoelektrik schon länger Anwendung, um fehlende Gliedmaßen zu ersetzen, aber für gelähmte Personen gab es bis dato keine derartigen Hilfsmittel. Für Betroffene, die im Sinne der konventionellen Medizin austherapiert sind, stellt die Orthese einen Gamechanger dar, um im Alltag wieder selbstständig zu agieren.“

Weshalb sind myoelektrische Hilfsmittel im Bereich der Neuroorthopädie essenziell?

JG: „Die Myoelektrik bildet einen Bewegungsablauf ab, der relativ nah an der körpereigenen Funktion liegt. Diese Technologie nutzt vorhandene nervale Restimpulse, anstatt einen Bewegungsimpuls von außen zu geben. Kurz gesagt, die Orthese macht nur, was der Anwender ihr vermittelt, braucht also das Eigenpotenzial der Patienten. Gerade im Bereich der Hände und Arme sprechen wir über hochkomplexe Bewegungsabläufe. Dadurch, dass Patienten lernen, ihre Bewegungsabläufe wieder selektiv anzusteuern, arbeiten wir mit Feedbackschleifen und können gegebenenfalls den Prozess der Neuroplastizität anregen. Dies fördert zudem Ehrgeiz und Motivation der Patienten, sich mit dem Hilfsmittel auseinanderzusetzen.“

Wie genau profitieren Anwender von der Nutzung einer myoelektrischen Orthese?

JG: „Mit einem Orthesen-System wie der MyoPro sind Betroffene wieder in der Lage, beidhändige Bewegungsabläufe auszuführen und alltägliche Aufgaben eigenständig zu bewältigen. Dies steigert die Lebensqualität enorm, was sich auch massiv auf die Psyche auswirkt, da Anwender nicht mehr konstant auf Hilfe von außen angewiesen sind. Letztendlich können entsprechende Hilfsmittel potenziell auch Beeinträchtigungen im Berufsleben ausgleichen, was zusätzlich mehr Möglichkeiten zur Teilhabe im Alltag eröffnet.“

Wie läuft der Versorgungsprozess bei Ihnen im Detail ab?

JG: „Sobald ein Patient an uns herantritt oder durch den behandelnden Arzt an uns verwiesen wird, vereinbaren wir einen Termin zur Klärung der Eignung. Wir sind zurzeit einer von wenigen Versorgungspartnern, die über ein Myomo Test-Kit mit einer linken und einer rechten Orthese verfügen, sodass wir flexibel auf unsere Kunden eingehen können. Wir führen die Eignungsfeststellung selbst vor Ort bei den Betroffenen durch – fällt sie positiv aus, bedarf es einer ärztlichen Hilfsmittelverordnung. Da dies häufig eine fundierte Begründung voraussetzt, warum eine myoelektrische Orthese zum Behinderungsausgleich notwendig ist, übernehmen wir diesen Schritt für die Patienten. Im Anschluss erfolgt die Ausarbeitung des Antrags an die Krankenkasse, inklusive Videodokumentation, Kostenkalkulation, Befund, Prognose und Empfehlungsschreiben des Arztes. In der Regel brauchen Bearbeitungsanträge bei der Krankenkasse drei bis fünf Wochen, der Prozess dauert aber häufig länger, da bei hochgradigen Versorgungen das Gutachten des medizinischen Dienstes eingeholt wird. Wir übernehmen dabei die Kommunikation mit der Krankenkasse, denn unserer Erfahrung nach hat sich eine intensive Begleitung des Patienten in der Antragsphase für die Bewilligung als essenziell erwiesen.“

Gibt es in diesem Prozess besondere Herausforderungen zu beachten?

JG: „Bei neuen, innovativen Hilfsmitteln wie der MyoPro ergibt sich häufig die Problematik, dass diese noch keinen offiziellen Eintrag im Hilfsmittelkatalog der Krankenkassen haben, weshalb es immer Einzelfallentscheidungen sind, ob ein Patient Anspruch auf Versorgung hat. Diese Prüfung fällt meist recht zeitintensiv aus. Zudem gibt es einen Unterschied zwischen Hilfsmitteln zum Behinderungsausgleich und Hilfsmitteln zur Therapieunterstützung. Für ein Produkt, das dem Ausgleich von Behinderungen dient, können Ärzte eine Verordnung ausstellen, wenn der Patient dadurch eine signifikante Verbesserung in seinem Alltag erfährt. Als Hilfsmittel zum Behinderungsausgleich nimmt die MyoPro von Myomo derzeit eine marktführende Rolle ein, was trotz Einzelfallentscheidung in einer Bindung der Krankenkassen resultiert.“

Welche Rolle nimmt Myomo in diesem Ablauf ein?

MW: „Als Hersteller ist Myomo dafür verantwortlich, uns im Versorgungsfall zeitnah den Bausatz für die Orthese zu liefern. Im Rahmen des MyoCare Servicepakets schult Myomo zudem die behandelnden Ergo- und Physiotherapeuten, die das Anwendertraining durchführen, damit diese Patienten im Lernprozess optimal begleiten und anleiten können. Andererseits sorgt Myomo auch aufseiten der Orthopädietechniker für alle nötigen Schulungen in Bezug auf den Umgang mit der MyoPro. So sind wir als Sanitätshaus für die Screenings zur Feststellung der Eignung, die Anfertigung von Scans des Patienten, Montage und individuelle Anpassung des Orthesen-Bausatzes sowie Bedienung der Steuerungssoftware durch Myomo geschult und zertifiziert worden. Als zertifizierter Partner wirken wir unterstützend bei Schulungen mit, damit eine engmaschige Betreuung jederzeit gesichert ist. Versorgungspartner wie wir werden zudem eng in die Weiterentwicklung der Orthese einbezogen. Wir stehen in kontinuierlichem Austausch mit Myomo und können dadurch beiderseitig eine fortlaufende Qualitätsverbesserung von Service und Produkt gewährleisten.“